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Klöster, Kirchen, Keller
Mittelalterlicher Weinbau Europas  - im Namen Gottes

„Das Getränk der Germanen ist aus Gerste gemacht und ist schlechtem oder verdorbenem Wein ähnlich“ schrieb Tacitus über die (barbarischen) Trinkgewohnheiten nördlich der Alpen. Tatsächlich lernten unsere Vorfahren erst durch die Römischen Besatzer das Getränk aus den Früchten der Weinrebe kennen.

Seinen furiosen Siegeszug in Mitteleuropa verdankt der Wein aber der Ausbreitung des Christentums, die Christen starteten nämlich überall wo sie auftauchten eine breit angelegte Werbekampagne für Wein. Betrachtet man die Bibel mit den Augen eines Produktmanagers, ist Wein darin weit besser platziert, als es selbst die besten Marketingfachleute in irgendeinem Medium der modernen Welt schaffen würden - BMW im James-Bond-Film ist amateurhafter Kinderkram dagegen. An ca. 500 Stellen in der Bibel ist von Wein und von Reben die Rede! Das beginnt gleich bei Noah, der nach überstandener Sintflut sesshaft wurde, Reben anbaute und sich betrank, sobald er seine erste Ernte gekeltert hatte. Durch die ganze Bibel ziehen sich Bilder von Weinberg, Rebstock und Wein und mit der Ausbreitung des Christentums lernte jeder neu missionierte Christ diese Bilder kennen. Mehr noch, beim Abendmahl, an hervorgehobener Stelle des Gottesdienstes spielt Wein eine zentrale Rolle – als heiliges Getränk!

Weil der Wein bei der Eucharistiefeier benötigt wurde, betrieben die Kirchenleute, die Missionare, die Mönche und Nonnen in den Klöstern Weinbau. Und da es für den  heiligen Zweck kein schlechter Wein sein durfte, bemühten sich die Diener Gottes um Verbesserungen im Anbau und in der Kellerwirtschaft. Ganz nebenbei war Ihnen natürlich auch für den persönlichen Gebrauch ein guter Wein lieber als ein schlechter.

Da für guten Wein auch ein Markt vorhanden war, entwickelte sich gerade unter der Regie von Klöstern und Bistümern ein gewerblicher Weinbau und –handel, auch ganz neue Produktlinien wurden kreiert, z.B. von Dom Pérignon und Bruder Oudart mit dem Champagner.!

Die meisten und jedenfalls besten Weinlagen Europas waren so über lange Jahrhunderte in kirchlichem Besitz. Chateauneuf-du-Pape war der Hauswein der Avignon-Päpste. Bis zur Französischen Revolution waren die besten Lagen des Burgund in kirchlicher Hand. Klöster und Bistümer, die an ihrem Sitz wegen der klimatischen Verhältnisse nur schlechten oder gar keinen Wein ernten konnten, verschafften sich Güter in Regionen mit besseren Voraussetzungen. So hatten die norddeutschen Klöster Corvey und Herford Grundbesitz an Rhein und Mosel, die Abtei St. Michel an der Normandie-Küste sicherte sich Weinlagen im Anjou. Das Kloster von St. Gallen in der Schweiz hatte im 13. Jh. so weitläufigen Weinbergsbesitz, dass der Abt unter Weinen  vom Neckar, aus der Schweiz, Tirol, dem Elsaß, Frankreich und Italien wählen konnte. Wenn wir unsere engere Heimat betrachten , so hatten die Bischöfe von Speyer großen Weinbergsbesitz in der pfälzischen Haardt und z.B in Zeutern im Kraichgau !

Aber auch in vertikaler Richtung dominierte die Kirche das Weingeschäft, über Verkaufstellen und Schenken sorgte sie für den Absatz an den Endverbraucher, oft auch in einer Art Franchise – System: Die Bischöfe verliehen gegen Zins das Recht, Weinschenken zu betreiben, wobei der Franchise – Nehmer selbstverständlich Wein aus den bischöflichen Kellern auszuschenken hatte. Daß es dabei knallhart um´s Geschäft ging, bezeugen eine Vielzahl von überlieferten Auseinandersetzungen zwischen Kirchen , Klöstern, Städten und Fürsten um Schankrechte, Steuern und Weinpreise. Im 8. und 9. Jh. wehrten sich z.B. Städte wie Frankfurt, Chalon oder Paris mit Preissatzungen für Wein gegen den „Weinwucher“ der Geistlichkeit. Die Steuerfreiheit der Kirche und somit auch der kirchlichen Weinwirtschaft war den Städten natürlich ein Dorn im Auge. Ende des 14.Jh. stritt die Stadt Worms beispielsweise jahrzehntelang mit dem Bischof, weil sie die Besteuerung des kirchlichen Weinhandels durchsetzen wollte. Der Bischof hatte schließlich den längeren Arm: Pabst Urban VI exkommunizierte die Bürger Worms, worauf sie klein bei gaben. Beim Abstecken der Claims taten sich unter Umständen auch innerkirchliche Fronten auf. So stritt der Bischof von Beauvais als Landesherr mit den Zisterziensern, die in der Stadt Weinkneipen besaßen und dort ihren überschüssigen Wein als Wettbewerber des städtischen Weinhandels feilboten. Der Bischof setzte schließlich durch, dass das Kloster nur eine bestimmte Menge Wein steuerfrei verkaufen durfte, von allem, was darüber hinaus ging, bekam dann auch der Bischof seinen Teil in Form von Steuern...

Der Bedarf an Wein war so groß und sein Anbau so lohnend, dass auch in weniger geeigneten Gegenden Weinbau betrieben wurde. Um das Jahr 1500 war die Rebfläche in Deutschland ca. dreimal so groß wie heute. In Fulda und Guben standen genauso Reben, wie im irischen Cork. Im Mittelalter umfaßte die Weinbaufläche im Gebiet von Saale und Unstrut ca. 10.000 ha, heute sind es ca. 700 ha. Ab dem ausgehenden 16.Jh. kam es zu einem deutlichen Rückgang des Weinbaus. Zunächst erforderte die wachsende Bevölkerungszahl den Anbau von Getreide , einige klimatisch besonders harte Jahre mit Frostschäden und Missernten zeigten die geografischen Grenzen des Weinbaus in Mitteleuropa auf. Schließlich kam es mit den Verwüstungen des 30-jährigen Krieges bis zur Mitte des 17. Jh. zur Entvölkerung breiter Landstriche und zur Aufgabe großer zuvor weinbaulich genutzter Flächen. Der Ausstieg der Kirchen aus der Weinwirtschaft kam jedoch erst mit der Säkularisation 1782 in Österreich, 1789 in Frankreich und 1802/03 in Deutschland, was aber nicht heißen soll, dass die Geistlichen seither keinen Wein mehr trinken....

Benutzte Quelle: Gert v. Paczensky, Anna Dünnebier „Leere Töpfe, volle Töpfe“, Die Kulturgeschichte des Essens unsd Trinkens, Albrecht Knaus Verlag, 1994