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Micky-Maus-Wein
Nicht jeder Wein wird einfach aus Trauben gemacht

Charles schlendert an die Bar und bestellt ein Glas trockenen Weißwein. Harry, der Barkeeper, gießt aus der Flasche mit der Aufschrift „Basic 11%“ eine farblose Füssigkeit ins stilvolle Weinglas und fügt ein Schnapsglas voll „light white“ hinzu, worauf die Farbe ins grünlich-gelbe wechselt. „Riesling, Chardonnay oder was ausgefallenes?“ fragt Harry. „Riesling“ antwortet Charles, und Harry wendet sich dem Holzgestell mit den Erlenmeyerkolben zu, darüber ein Metallschild mit der verschnörkelten Gravur: „Klassische Rebsorten 100%“. Vier größere Kolben stehen da akurat nebeneinander, beschriftet mit „Riesling“, „Chardonnay“, „Pinot noir“ und „Cabernet sauvignon“. Darunter erkennt man eine ganze Batterie kleinerer Glaskolben, offenbar werden die seltener gebraucht: „Grauburgunder“ „Sauvignon blanc“ „Merlot“ „Schwarzriesling“ und andere mehr. Harry zieht im „Riesling“-Kolben seine Pipette auf und lässt dann einige farblose Tropfen ins Glas plumpsen „Probieren Sie mal!“ Charles nimmt das Glas am unteren Teil des Stils und versetzt –nach kurzem, prüfendem Blick gegen das Licht - den Inhalt mit dem geübtem Schwung des Kenners (aus dem Handgelenk!) in Rotation, worauf er es mit geschlossenen Augen an die Nase führt. (nach Art des Kenners vom Ergreifen des Glases bis zum rhythmischen Schnüffeln in einer fließenden Bewegung.) Jetzt nimmt er ein Schlückchen, wälzt es prüfend im Mund und spürt schmatzend den Geschmackseindrücken hinterher. „Etwas rassiger könnte er sein“ ist sein Resümee worauf Harry mit einem chic gestylten Edelstahlspatel einige Kristalle aus dem lichtgeschützten Schraubglas mit der Aufschrift „Weinsäure“ in Charles` Weinglas gleiten läßt und umrührt. Charles degoustiert erneut und kommt zu der Einschätzung: „Ein Hauch mehr Frucht würde ihm gut stehen!“ 

Jetzt huscht ein kurzes stolzes Strahlen über Harrys Gesicht während er den flachen, bordeauxroten Lederkoffer mit der goldgeprägten Aufschrift „Großes Aromensortiment“ unter dem Tresen hervorzieht und mit dem kleinen goldenen Schlüssel, der an seinem Gürtel hängt, öffnet: Offenbar hat er einen echten Kenner vor sich, der die Künste eines Barmixers der Königsklasse zu schätzen weiß. Mit ehrfurchtsvoller Bewegung klappt er den Deckel der Lederschatulle auf und schwelgt einen Moment im Anblick der vielreihig in dunkelgrünem Samtbett ruhenden Glasflacons mit Aufschriften von Apfel bis Nuß, Hasel-, wohl wissend um die darunter befindliche zweite Lage von „Nuß, Wal-“ bis „Zimt“. „Eher Richtung Grapefruit/Zitrus oder lieber Pfirsich/Maracuja“ wendet er sich wieder Charles zu. „Grapefruit/Zitrus“ entscheidet der ohne zu überlegen, und Harry entnimmt dem satten Samt das passende Fläschchen, um zwei Tropfen ins Glas zu träufeln. „So, probieren Sie noch mal!“ fordert er Charles auf und dieser ergreift ein weiteres Mal mit großer Geste das Glas, testet seinen Inhalt nach allen Regeln der Kunst: „Das Aromenspiel ist perfekt, Kompliment – aber jetzt stört die stahlige Säure doch etwas, wir sollten sie mit einem Hauch Süße brechen.“ „Aber selbstverständlich gerne“, antwortet Harry und reicht Charles das Tablett mit weißem und braunem Zucker sowie Süßstoff und Honig, „bitte, bedienen Sie sich.“

Wer diese Geschichte für Science Fiction hält oder für wirklichkeitsferne Satire, kennt nicht die Realität im außereuropäischen „Weinbau“. In vielen hundert Weinbetrieben z.B. in den USA ist Stand der Technik und übliche Praxis, dass durch physikalische und chemische Verfahren die Weine in Ihrer Zusammensetzung verändert werden. So ermöglicht eine australische Erfindung namens Schleuderkegel-Kolonne (Spinning cone column) Weinbestandteile wie Alkohol und Aromastoffe abzutrennen und - nach Wunsch - neu zusammenzusetzten. Es heißt, 60% der amerikanischen Topweine durchlaufen ein solches Gerät, das mit Anschaffungskosten von ein bis zwei Millionen Euro nur  für Großbetriebe rentabel sein kann.

Der Einsatz der Schleuderkegel-Kolonne ist wie einige weiter in den USA übliche Verfahren (z.B. Zusatz von bis zu 7% Wasser oder bis zu 35% Zuckerwasser) im EU-Weinbau nicht erlaubt und der gesunde Menschenverstand des Verbrauchers würde vielleicht erwarten, dass solche „Micky-Maus-Weine“ in  der EU nicht vermarktet werden dürfen oder falls doch, dass der Verbraucher zumindest durch die Kennzeichnung des Produkts auf dem Etikett über derartige Verfahren bei der „Weinproduktion“ hingewiesen werden muss. Weit gefehlt, seit 2006 gilt zwischen der EU und den USA ein Weinabkommen, das es den Vereinigten Staaten erlaubt, technisch manipulierte Weine nach Europa zu exportieren, ohne dass die Verbraucher auf dem Etikett davon erfahren. Im Gegenzug wurden 17 europäische Weinnamen und Ursprungsbezeichnungen in den USA geschützt.
Wer nach Gründen sucht für diese „Limonadisierung“ im globalen Weinbau findet die Ursache zum Einen in der Eigenschaft des Naturprodukts Wein, sich je nach Herkunft und Jahrgang unterschiedlich zu präsentieren. Was engagierte Gutswinzer im Familienbetrieb als Stärke begreifen, ist für Großbetriebe eine nicht tolerierbare Schwäche. Gefragt sind Weine im „internationalen Stil“, gleichförmig möglichst unabhängig von Jahrgang und Herkunft: Egal ob aus Chile, Südafrika, Australien oder den USA, die Chardonnays und Merlots, die der Kunde beim Discounter ersteht, sollen alle jeweils gleich schmecken. Zum Anderen aber entscheidet letztlich der Verbraucher, welche Art von Weinen auf welche Art erzeugt werden.